
„Die Jungen müssen aufmüpfig werden“
In ihrer Wirtschaftspolitik setzen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auf Werte wie Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Der Weg dorthin war und ist nicht immer leicht. Das beschreiben Irmgard Zecher, grüne Alterspräsidentin in Baden-Württemberg, ihre Tochter und ihre Enkelin im Gespräch über den Generationenkonflikt, die Rente und Karrierechancen für Frauen.
Irmgard, jammern die jüngeren Generationen zu viel?
Irmgard Zecher: Nein. Ich merke nichts von Konflikten zwischen den Generationen. Das wird von den Medien hochgespielt. Fünf Kinder und die Arbeit als Handelsvertreterin – ein starkes Stück für die damalige Zeit. Ich hatte das große Glück, meine Mutter im Haus zu haben. Und wir hatten ein Hausmädchen. Von daher war’s erträglich. Ich war aber auch nebenher ehrenamtlich tätig, habe viel für Zeitungen geschrieben…
Ulrike Zecher: … und dann noch die Enkelin übernommen in den ersten Jahren. Als Valeska 1968 geboren wurde, habe ich studiert. Es blieb mir nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu gehen. Ich war tagsüber in Tübingen in der Uni und habe in Metzingen gewohnt.
Irmgard Zecher: Sie kam jeden Abend pünktlich um 18 Uhr nach Hause. Das habe ich zur Bedingung gemacht – sie musste das Kind ins Bett bringen.
Ulrike Zecher: Was sehr hart für mich war: Ich war erst 21, und ich wollte die Revolution machen, da kann man nicht um sechs Uhr abends nach Hause kommen. Und so habe ich nach anderthalb Jahren verzweifelt einen Kindergartenplatz gesucht. Es gab keinen. Als eine Studentengruppe Räume besetzt und einen Kinderladen gegründet hat, habe ich mich denen angeschlossen. Dann habe ich Valeska zu mir nach Tübingen geholt. Dazu kommt, dass das Kind nicht ehelich war, ich hatte nicht einmal das Sorgerecht. Erst 1970 gab es für Mütter unehelicher Kinder das Sorgerecht. Das war eine solche Demütigung, das kann ich gar nicht beschreiben.
Was kommt zuerst: die Wut oder die Resignation?
Ulrike Zecher: Ich bin dadurch radikalisiert worden. Und ich habe gelernt, was die Grundbedingung für jede Frau sein muss, die berufstätig ist und Kinder hat: dass sie nämlich in der Zeit, die ihr für ihren Beruf bleibt, stringent und konzentriert arbeitet. Was habe ich teilweise einen Hass auf die Männer bekommen! Wie die in den Gremien saßen und vor sich hin laberten und vier Stunden für etwas brauchten, was man in einer Dreiviertelstunde konzentriert hätte abhandeln können.
Valeska Zecher: Das war viel schwieriger als heute. Heute ist ja eine Patchworkfamilie nichts Ungewöhnliches mehr.
Heute ist alles leichter?
Valeska Zecher: Ach, wenn ich jetzt ein Kind kriegen würde, wäre es für mich auch schwierig – die Problematik, wie mache ich’s, wie macht man’s innerhalb der Familie, wer muss zu Hause bleiben… Bei mir im Job, als Kostümbildnerin beim Film, da muss man die Kontakte halten, sonst ist man raus.
Wie kommt eine gestandene Vertreterin für Konfektionsware und Inhaberin des Trödelladens von Metzingen zu den Grünen?
Irmgard Zecher: Nach den Landtagswahlen 1980 in Baden-Württemberg habe ich ein großes Schild im Laden aufgestellt: Heute gibt es 50 Prozent Rabatt, weil DIE GRÜNEN in den Landtag gekommen sind. Ich war ja von innen heraus grün. Die Jungen, habe ich damals gedacht, die haben die Partei, die dir liegen würde. Aber ich dachte, ich bin zu alt dazu, ich war ja damals 59. 1984 sind sie zu mir gekommen, bei der Kommunalwahl. Sie fragten, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren will. Ich kann nicht, weil jeder in Metzingen weiß, dass ich bei den Jungmädchen, der Vorstufe vom Bund Deutscher Mädchen, eine führende Rolle hatte, habe ich gesagt. Doch sie kamen wieder: Frau Zecher, gerade weil sie mit dieser Geschichte so offen umgehen, möchten wir Sie gerne haben. Ich war Mitlied Nummer 7.
Du bist eine streitbare Frau. Was sagst Du zur Renten-Diskussion?
Irmgard Zecher: Die Empörung ist sehr groß Über die gesamte Gesundheitsreform und wie man mit uns Alten bei der Rente umgeht. Obwohl ich persönlich nicht klage. Ich habe zwar eine Winzigrente, arbeite aber nebenher noch – und habe Kinder, die für mich sorgen. Aber ich kenne auch andere Frauen meiner Generation, denen geht es nicht so gut. Man muss sich vorstellen, dass damals niemand an Rente gedacht hat; man war froh, zu leben.
Haben wenigstens die Grünen ein Herz für Rentner?
Irmgard Zecher: Es muss eine Grenze geben. Niedrige Renten müssen von den Nullrunden ausgenommen werden. Und die Jungen müssen aufmüpfig werden.
Ulrike Zecher: Für mich ist das ein Grund, weshalb ich bei den Grünen bin: Weil die kämpfen wie verrückt. Aber leider können sie sich nicht in den wesentlichen Punkten durchsetzen. Nicht alles, was gesellschaftspolitisch notwendig ist, ist auch politisch durchsetzbar.
Valeska Zecher: Ich kenne niemanden, der sagt, ich habe Vertrauen in die Rente. Niemanden! Ich habe jetzt auch privat vorgesorgt, weil es für mich ein großes Fragezeichen ist, was später mal rüberkommt. Das ist mir vor allem durch die Gespräche mit meiner Oma bewusst geworden.
Irmgard Zecher: Mit einer Oma, wohlgemerkt, die nicht ausreichend versichert ist und die jetzt am Hungertuch nagen würde, wäre sie nicht so rüstig, dass sie noch arbeitet.
Ulrike Zecher: … und ihre Mutter hat sie auch vor der Nase. Ich bin durchgerutscht, mit dem Kind und dem Studium, da war einfach nie Geld da. Das Versorgungswerk der Rechtsanwälte gibt’s erst seit 5 Jahren, dafür war ich zu alt. 110 Euro habe ich, sonst habe ich keinerlei Altersversorgung, null. Wobei wir gearbeitet haben wie die Blöden. Im sozialen Bereich bis hin zur Selbstaufgabe. Aber das ist halt so, nicht? Das ist mein Beitrag, das war meine Entscheidung.
Fünf Kinder sind eine gute Sparkasse“, hat Irmgard mal gesagt. Ist dieses archaische Modell gleichzeitig die Zukunft?
Valeska Zecher: Ich denke tatsächlich, dass so etwas wieder verstärkt kommen könnte. Allerdings wird es im Moment ja nicht gerade gefördert, Kinder zu bekommen.
Ulrike Zecher: Meiner Ansicht nach haben Kinder, wenn sie auf die Welt kommen, ein Recht darauf, dass sie ernährt und ausgebildet werde. Sie müssen nicht dankbar sein. Wenn jetzt so eine Abhängigkeit der Alten von den Jungen wieder eintritt, könnt ich mir vorstellen, dass das die Beziehung erheblich belastet.
Irmgard Zecher: Ich fühle mich auch nicht abhängig, verstehst Du? Ich habe ein schöneres Leben durch meine Kinder.
Ulrike Zecher: Wenn du nicht berufstätig gewesen wärst, dann hätten wir eine völlig andere Familienstruktur gehabt. Ich bin der festen Überzeugung, dass es ohne dich und deine Berufstätigkeit nicht diese Vielfalt der Berufe in unserer Familie gäbe. Ich halte auch überhaupt nichts von der Vorstellung, dass Familien auseinander fallen, wenn die Mütter nicht zu Hause sind. Im Gegenteil!
Valeska Zecher: Ja, meine Selbstständigkeit, mein Organisationstalent, das hätte ich alles nicht, wenn meine Mutter die ganze Zeit zu Hause gewesen wäre.
Offenbar hat Irmgard die Frauengeneration ihrer Familie nachhaltig geprägt.
Ulrike Zecher: Ja, sie hat’s an uns weiter gegeben: Die Zecherfrauen sind alle unglaubliche Kämpferinnen.
Das Interview ist im April 2004 in der illustrierten Geburtstagsausgabe „1979-2006. 25 Jahre GRÜNE Geschichte(n)“ erschienen.